Methodik & Quellen
Diese Seite legt jede Formel offen, die in der Karte und im Exposure Report steckt. Alle Zahlen kommen aus denselben Konfigurationsdateien wie die Anwendung selbst. Grundregel: Es wird nie interpoliert, geschätzt oder von Nachbarregionen übernommen — fehlende Daten bleiben sichtbar leer. Alle Aussagen sind Projektionen unter Szenarien, keine Prognosen.
Grundmuster der Gefahrenprüfung
Jede Gefahr folgt dem Muster Anfälligkeit × Klimasignal × Geländefaktor. Anfälligkeit und Klimasignal müssen beide über der Schwelle liegen — ein Faktor allein löst nie aus. Das Gelände verstärkt oder dämpft gefahrenspezifisch, löst aber nie allein aus. Jeder Chip trägt einen von drei Zeitstatus: „nimmt zu" (Anfälligkeit über der Schwelle und robuste projizierte Zunahme), „schon heute" (das Risiko existiert bereits; die Modelle zeigen für dieses Szenario keine belastbare Zunahme) und „ungeprüft" (ein Faktor ohne Datengrundlage). Die Klammer nennt nur Treiber, die etwas hinzufügen — was schon im Gefahrennamen steckt, wird nicht wiederholt.
Schwellen je Gefahr
Waldbrand
Brennmaterial: Nadelwald ≥ 40 % an ≥ 15 % Waldfläche (LC100 Forest-Type), ODER Wald + Strauchland ≥ 50 % der Fläche (mediterrane Macchia/Dehesa, LC100 Discrete). Dichte Bebauung ≥ 50 % dämpft. Feuerwetter: künftig ≥ 3.5 Tage mit hoher Feuergefahr pro Jahr (EURO-CORDEX-Projektion; kalibriert an der ECDE-Skala — Brandenburg heute ≈ 3,5, Iberien ≈ 99 Tage). Gelände: ≥ 20 % der Siedlungsfläche auf Steilhang → Treiber „Steillage" (Feuer läuft bergauf schneller).
Flusshochwasser
Exposition: ≥ 5 % der Einwohner ODER ≥ 10 % der Fläche in der HQ100-Zone (JRC RP100 × GHS-POP, 100-m-Zellen, einwohnergewichtet; Dauerwasserflächen maskiert). Zunahme: das heutige 10-jährliche Hochwasser kehrt projiziert ≤ alle 7 Jahre wieder; „robust" heißt: auch das Ensemble-Maximum bleibt ≤ 10 Jahre (alle Modelle sehen die Zunahme). Hochwassergefahr ist stark grundstücksabhängig — alle Angaben beschreiben die Region, nie eine Adresse.
Sturzflut
Anfälligkeit: bebauter Anteil ≥ 30 % (kein Versickern) ODER Steilhang-Umland ≥ 20 % (Kerbtal-Kriterium — Abfluss sammelt sich im Siedlungsraum). Klimasignal: Starkregentage +30 % mit belastbarem Signal → „erhöht"; heutige Last ≥ 10 Tage/Jahr oder +10 % robust → „anfällige Lage (bestehend)". Deutschland: GERICS-Robustheitsklassen; Europa: Ensemble-Einstimmigkeit (alle Modelle sehen eine Zunahme).
Hitzestress
Künftig ≥ 30 heiße Tage pro Jahr ODER nahezu Verdopplung (Faktor 1,85) bei robuster Zunahme. Bebauung ≥ 30 % → Treiber „Bebauung" (Wärmeinsel). Ab 30 % Bebauung zeigt die Karte den Stadtklima-Hinweis: Der Modellwert (12,5-km-Gitter) beschreibt die Fläche, dicht bebaute Lagen liegen typischerweise darüber — ein Zahlenzuschlag lässt sich aus der Bebauung allein nicht seriös ableiten und wird deshalb nicht behauptet.
Hangrutsch
Steilgelände ≥ 30 % ist notwendige Bedingung — ohne Hang kein Hangrutsch, flache Regionen sind „nicht anwendbar". Auslöser: Starkregen (+20 % robust → „erhöht"; Last ≥ 10 Tage → „anfällige Lage"). Geologische Suszeptibilität (Bodendaten) liegt nicht vor und wird in jeder Herleitung als Lücke benannt.
Küstenhochwasser
Noch nicht bewertbar: Die verfügbaren Quellen (LISCOAST) liefern Pegelpunkte, keine Flutflächen. Küstenregionen zeigen „Ohne Datengrundlage", Binnenland „nicht anwendbar" — die Gefahr wird nie aus einer anderen abgeleitet oder mit einem Proxy gefüllt.
Gefahrenprofil — Gewichtung
Das Gefahrenprofil (0–100) ist eine gewichtete Summe von Teilwerten je Gefahr, keine Blackbox und kein Durchschnitt. Gewichte: Hochwasser/Überflutung 28 %, Hitzestress 28 %, Waldbrand 18 %, Starkregen/Oberflächenabfluss 16 %, historische Extremereignisse 10 %. Begründung: Überflutung und Hitze tragen die größten Sach- und Gesundheitsschäden in Europa (EEA-Schadensstatistik). Jeder Teilwert entsteht über eine lineare Rampe aus den projizierten Größen (z. B. Hitze: 5 → 0 bis 45 heiße Tage → 100); Verstärker multiplizieren gefahrenspezifisch (Bebauung → Starkregen/Überflutung, Steilhang → Sturzflut und Waldbrand, Nadelwald → Waldbrand) und werden bei den Haupttreibern im Klartext genannt. Fehlt eine Datengrundlage, wird ihr Gewicht auf die übrigen verteilt und die Lücke ausgewiesen; sind weniger als 50 % des Gewichts belegbar, gibt es bewusst keine Zahl.
Zeitkonsistenz: Jeder Treiber wird in allen Zeitscheiben gleich behandelt. Historische Ereignisse sind ein Vulnerabilitäts-Indikator und fließen konstant ein; Hochwasser wird als Verschlechterung gegenüber heute bewertet (heute per Definition 0). Die Risiko-Entwicklung trägt zusätzlich eine monotone Hülle: Sie zeigt je Treiber das bis dahin erreichte Niveau — eine zwischenzeitliche Entspannung einzelner Modellgrößen senkt das Profil nicht. Ein Monotonie-Pflichttest über alle Regionen und Szenarien läuft bei jedem Datenlauf. Alle Konstanten stehen in src/config/risk-model.json und src/config/hazard-thresholds.json.
Das Gefahrenprofil fasst die geprüften Gefahren zusammen. Andere Risiken — etwa Erdbeben, Altlasten oder Baugrund — sind nicht Teil dieser Prüfung.
Grenzen des Modells
- Klimadaten liegen bei 12,5 km, Gelände- und Bebauungsdaten bei 100–250 m — die Verknüpfung erbt die gröbere Auflösung. Das Ergebnis ist nie hochaufgelöst.
- Waldzusammensetzung und Bebauung sind statisch (Stand 2019). Waldumbau, Borkenkäfer und Neubaugebiete verändern die Wirklichkeit schneller als die Karte.
- Kreis- und Regionsebene ist die falsche Ebene für Gelände: Hangneigung, Bebauung und HQ100-Lage schwanken innerhalb einer Region stark. Zwei Häuser im selben Landkreis können beim tatsächlichen Risiko völlig verschieden sein.
- Zeit ist diskret: Projektionen existieren als 30-Jahres-Zeitscheiben (2036–2065, 2069–2098), nie als Jahreswerte.
- Der Klimazwilling ist eine Kommunikationshilfe (gewichtete Ähnlichkeit über Jahres-/Sommertemperatur und Niederschlag), keine wissenschaftliche Aussage.
- „Ohne Gefahrensignal" heißt: keine der geprüften Gefahren löst aus — es ist keine Sicherheitsaussage.
Datenquellen und Lizenzen
| Quelle | Rolle | Lizenz |
|---|---|---|
| GERICS Klimaausblicke für Landkreise | Klimaprojektionen Deutschland (17 Kennwerte, RCP2.6/4.5/8.5, ~50 Simulationen, 12,5 km, Referenz 1971–2000) | CC BY 4.0 |
| Copernicus C3S — Climate indicators for Europe (ECDE, EURO-CORDEX) | Klimaprojektionen Europa-Regionen (tas, Heiße Tage, Tropennächte, Niederschlag, Feuerwetter, Hochwasser-Wiederkehrzeit, Starkregentage; 4-Modell-Ensemble, RCP4.5/8.5) | C3S-Lizenz, kommerziell mit Attribution |
| World Bank CCKP (CMIP6) | Länderebene (SSP-Szenarien, sichtbar gemappt, Referenz 1995–2014) | CC BY 4.0 |
| Copernicus Global Land Service LC100 (2019) | Waldtyp (Nadel/Laub/Misch), Wald- und Strauchanteil, bebauter Anteil, Dauerwasser-Maske | CC BY 4.0 |
| USGS GMTED2010 | Topografie: Höhe, Relief, Steilhang-Anteile (250 m) | Public Domain |
| JRC River Flood Hazard Map RP100 (CEMS-EFAS) | HQ100-Zone Flusshochwasser (~90 m) | CC BY 4.0 |
| JRC GHSL GHS-POP 2025 | Bevölkerungsraster 100 m (Einwohnergewichtung) | frei (GHSL) |
| HANZE v3.0.1b | Historische Hochwasser-/Starkregenereignisse Europa 1870–2025 | CC BY 4.0 |
| ERA5 (C3S) | Städte-Klimanormale 1971–2000 für den Klimazwilling | C3S-Lizenz |
| Natural Earth · © GeoBasis-DE/BKG (dl-de/by-2-0) | Grenzen und Geometrien | Public Domain · dl-de/by-2-0 |